Autorenschmuck im Diskurs

Die schönste Unbekannte der Kunstwelt

Installation view BETWEEN /BEYOND Timea Busch, Velvet Belt © Lehel.Art
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Schmuck ist so alt wie das Denken selbst. Und doch gilt er in der Kunstwelt als Randphänomen – zu dekorativ, zu körpernah, zu handwerklich, zu wenig ernst. Dabei erzählen Schmuckstücke seit jeher von Macht, Liebe, Haltung und Verlust. Julie Metzdorf, Kulturjournalistin und eine Kennerin des zeitgenössischen Autorenschmucks, geht diesen Widersprüchen nach – und erklärt nebenbei, warum München die Welthauptstadt dieser verkannten Kunstform ist. Eine Nachlese zur Ausstellung BETWEEN / BEYOND, die Lehel.Art in Kooperation mit der Galerie Stefan Vogdt im Rahmen der SCHMUCKmünchen vom 04. bis 08. März 2026 zeigte. Präsentiert wurden Arbeiten von Julian Billmair, Timea Busch, Denis Klausmann, Manfred Peckl, Alessandra Piazza, Mara Pollak, Ayaka Terajima, Takayoshi Terajima und Maike Weyrich.

Niemand braucht Schmuck. Aber alle Welt trägt Schmuck! Es gibt Völker, die keine Kleidung tragen, aber es gibt kein Volk, das nicht irgendeine Form von Schmuck oder Körpermodifikation kennt. Schmuck ist Teil des Menschseins. Mehr als 100.000 Jahre alte Halsketten aus gefärbten Muscheln gelten Anthropologen als frühester Nachweis für symbolisches Denken. Das Tragen von Schmuck hat demnach maßgeblich zur Entwicklung unserer kognitiven Fähigkeiten und einer komplexen Sprache beigetragen.

Heute gilt Schmuck oft als Accessoire, als Beiwerk, manchmal auch als überflüssiger Luxus. Doch egal um welchen Schmuck es geht, vom klassischen Ehering über das Freundschaftsbändchen bis zum ausgefallenen Designerstück: Schmuck sendet immer Signale aus. Es ist ein Unterschied, ob man mit dezenten Perlenohrringen oder mit einer Sicherheitsnadel im Ohr durchs Leben geht. Schmuck unterstreicht die individuelle Persönlichkeit, gleichzeitig kann er den sozialen Rang und die Gruppenzugehörigkeit einer Person anzeigen. Er kann für eine persönliche Haltung oder Erinnerung stehen, kann aber auch politische Botschaften aussenden. Schmuck hat also nicht nur zur Entwicklung der menschlichen Sprache beigetragen, Schmuck ist Kommunikation. Und damit ist er prädestiniert für eine Karriere als Kunstwerk.

Installation views BETWEEN / BEYOND: Alessandra Piazza, Il Limone, Brooch; ganz oben: Timea Busch, Purple Belt © Lehel.Art
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Installation views BETWEEN / BEYOND: Alessandra Piazza, Il Limone, Brooch; ganz oben: Timea Busch, Purple Belt © Lehel.Art
Installation view BETWEEN / BEYOND Maike Weyrich, Feather Collar © Lehel.Art
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Installation view BETWEEN / BEYOND Maike Weyrich, Feather Collar © Lehel.Art
Installation view BETWEEN / BEYOND Takayoshi Terajima, Brooch, Ring, Earrings, Necklace © Lehel.Art
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Installation view BETWEEN / BEYOND Takayoshi Terajima, Brooch, Ring, Earrings, Necklace © Lehel.Art
Installation view BETWEEN / BEYOND: Timea Busch, Rings © Lehel.Art
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Installation view BETWEEN / BEYOND: Timea Busch, Rings © Lehel.Art
Installation view BETWEEN / BEYOND: Manfred Peckl, Ring © Lehel.Art
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Installation view BETWEEN / BEYOND: Manfred Peckl, Ring © Lehel.Art
Installation view BETWEEN / BEYOND Manfred Peckl, Sprachkreisskulpturen © Lehel.Art
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Installation view BETWEEN / BEYOND Manfred Peckl, Sprachkreisskulpturen © Lehel.Art
Installation view BETWEEN /BEYOND Ayaka Terajima, drawings and unglazed fired ceramics © Lehel.Art
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„Autorenschmuck“ heißt die künstlerische Variante von Schmuck. Analog zum Autorenfilm der 60er-Jahre betont der Name die individuelle künstlerische Idee, die in einem Schmuckstück steckt. Was den Autorenschmuck von allen anderen Kunstformen unterscheidet, ist sein Körperbezug. Schmuckstücke sind tragbare Kunstwerke, aber man trägt sie nicht in einer Schatulle herum, sondern sichtbar. Der Körper wird zur wandelnden Wand.

Trotzdem fristet der Autorenschmuck in der großen bunten Kunstwelt bis heute eher ein Schattendasein, selbst in München, der Stadt, die international als „Welthauptstadt des Autorenschmucks“ gilt. Kern dieses Rufs ist die Sonderschau SCHMUCKmünchen, die älteste und bedeutendste Ausstellungsreihe für künstlerischen Schmuck weltweit, die jedes Jahr im März auf der Internationalen Handwerksmesse zu sehen ist. Parallel finden in dieser Zeit in der gesamten Innenstadt Dutzende kleinere und größere Schmuckausstellungen statt. Diese „Münchner Schmucktage“ gelten als das Gipfeltreffen der Szene: KünstlerInnen, GaleristInnen, KuratorInnen und SammlerInnen reisen aus aller Welt an: Herbert Hofmann wäre begeistert. Gegründet hatte der Kunsthistoriker die Schmuckschau 1959 im Geist der documenta, die nur vier Jahre zuvor zum ersten Mal stattgefunden hatte. Mit Kunst und Kultur wollte man die geistige Offenheit der jungen Demokratie zeigen, wollte sich international neu vernetzen. Zugleich sollte die Schau die neuen Entwicklungen im Gold- und Silberschmiedehandwerk präsentieren, denn die Gründung fiel in eine Zeit, in der sich viele Goldschmiede von den traditionellen Formen lösten und Schmuck als freie Kunstform positionieren wollten. Wichtig für diese Entwicklung war die legendäre Klasse für Schmuck und Gerät an der Münchner Kunstakademie, die ab 1972 von Hermann Jünger und ab 1991 von Otto Künzli geleitet wurde.

Slider links: Installation views BETWEEN / BEYOND Ayaka Terajima (3), Takayoshi Terajima, Denis Klausmann © Lehel.Art

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Von Künzli stammt auch eines der Signature-Werke der Schmuckkunst (unten): ein schwarzer Gummiring, in dessen Innerem sich eine goldene Kugel befindet. Der Titel dieses Armreifs: „Gold macht blind“. Das kostbare Gold bleibt verborgen, damit wird der Blick auf die Form frei. Das Stück spiegelt den kritischen Umgang mit dem Wert von Materialien. Gold, Silber und Edelsteine waren schon lange nicht mehr die einzigen Materialien im Schmuck, auch Kunststoff, Holz, Glas, Eisen oder recycelte Fundstücke kamen zum Einsatz.

Der Umgang mit ungewöhnlichen Materialien zeichnet die Schmuckkunst bis heute aus, von der Actimel-Flasche bis zum Nierenstein ist alles möglich. Die Serie „Parrot Devotees“ von Marion Delarue (unten) dreht sich letztlich um das Thema Wertigkeit. Die Schulterstücke bestehen aus Federn. Federn sind der natürliche Schmuck der Vögel, sie erregen Aufmerksamkeit und dienen der Partnersuche. Marion Delarue aber hat die zarten Kopffedern von Hühnern, Enten und Gänsen verarbeitet, eher unscheinbare Nutztiere also, die von den Menschen aufgrund ihres Fleisches und nicht wegen ihres Gefieders geschätzt werden. Erst durch ihre Hand entstehen Farbkombinationen und Muster, die es ästhetisch durchaus mit dem Gefieder eines Papageien aufnehmen können: Ein Spiel mit den Themen Imitation und Künstlichkeit und ein Paradebeispiel für die Tragfähigkeit von Schmuck als Mittel tiefer Auseinandersetzungen mit den Ur-Themen der Kunst.

Slider rechts: Installation views BETWEEN / BEYOND Maike Weyrich, Julian Billmair, Manfred Peckl, Mara Pollak, Timea Busch, Denis Klausmann © Lehel.Art

 

Otto Künzli: gold macht blind, Gummi und Gold, 1980. Foto: Otto Künzli
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Otto Künzli: gold macht blind, Gummi und Gold, 1980. Foto: Otto Künzli
Marion Delarue: Parrot Devotees, 2018. Foto: Marion Delarue
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Marion Delarue: Parrot Devotees, 2018. Foto: Marion Delarue
Bettina Dittlmann: Brosche, 2016. Foto: Michael Jank
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Bettina Dittlmann: Brosche, 2016. Foto: Michael Jank
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Auch soziale, gesellschaftskritische oder politische Botschaften lassen sich in Schmuck ausdrücken. Bettina Dittlmanns Magnet-Broschen (oben) entstanden 2016 kurz vor der ersten Wahl Donald Trumps zum Präsidenten: Rot emaillierte Splitter aus Zunder gruppieren sich um einen Kern aus einem starken Magneten. Während Schmuck sonst für Beständigkeit – Stichwort Erbstück – steht, sind diese Broschen alles andere als statisch, mit einem einfachen Handgriff kann man die Form einfach wegwischen. Die Brosche steht für eine tiefe Verunsicherung: Nichts ist sicher, nichts bleibt, wie es ist. Ein Kommentar zur politischen Lage 2016, aber auch ein allgemeingültiges Symbol.

Wer in die Welt der Schmuckkunst eintauchen möchte, besucht am besten die Danner-Rotunde in der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne, eines der wenigen Museen weltweit, in dem zeitgenössische Schmuckkunst permanent zu sehen ist. Der Raum liegt im Herzen des Museums unter der Erde. Auch das ist symbolisch: Der Raum ist kaum bekannt, aber wer ihn findet, steht inmitten einer wahren Schatzkammer.

Slider links: Installation views BETWEEN / BEYOND Denis Klausmann, Mara Pollak, Timea Busch, Maike Weyrich, Takayoshi Terajima © Lehel.Art

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