WUPPERTAL

Kunst erleben, Orte entdecken

Wuppertal ist keine Kunststadt im üblichen Sinne – und genau das macht die bergische Metropole so interessant. Wir haben unser Netzwerk gefragt: Wo überrascht die Stadt, wo lohnt ein Umweg, was kennt nur, wer wirklich hinschaut? Die Antworten haben uns selbst überrascht.

placeholder
Villa Waldfrieden und Henry Moore, Sitzende (1957/58), © Cragg Foundation, Foto Michael Richter, unten: Skulpturenpark Waldfrieden, Gastronomie © Cragg Foundation, Foto Michael Richter
placeholder
Skulpturenpark Waldfrieden, Tony Cragg, Points of View, 2007 © VG Bild-Kunst Bonn 2025, Foto Michael Richter
placeholder

Skulpturenpark Waldfrieden
 

Kunst im Wald
Tony Cragg hat seinen Skulpturenpark Waldfrieden in einen bewaldeten Hang über der Stadt gebettet – und damit einen der schönsten Ausstellungsorte Europas geschaffen. Derzeit ist die große Retrospektive „Rebecca Horn – Emotion in Motion” zu sehen: 13 kinetische Installationen und Großwerke aus vier Jahrzehnten, noch bis 30. August. Ein Muss nach dem Rundgang durch den Park und die Pavillons: Einkehren im idyllisch von alten Bäumen umgebenen Café Podest.

waldfrieden

placeholder
Rebecca Horn, Concert for Anarchy, 2006 © VG Bild-Kunst Bonn 2026, Foto Michael Richter
placeholder
Rebecca Horn, Die Preußische Brautmaschine, 1988 © VG Bild-Kunst Bonn 2026, Rebecca Horn
placeholder
Führt mit 112 Stufen den Engelnberg hinauf: die 1900 erbaute Holsteiner Treppe im Stadtbezirk Elberfeld, © Medienzentrum der Stadt Wuppertal


San Francisco Deutschlands

Stadt in Stufen
Wuppertal ist keine flache Stadt – wer das nicht versteht, versteht die Stadt nicht. 500 Treppen und über 12.000 Treppenstufen verbinden Hang und Tal, Wohnquartier und Innenstadt. Als Skulptur funktioniert Wuppertal nur vertikal gelesen: die Straßen sind Kulisse, die Treppen sind der Text.

placeholder
Nordbahntrasse, Luftbild auf das Kuhler Viadukt, Foto: Dominik Ketz, © Bilderservice Wuppertal
placeholder
Nordbahntrasse, Aussichtspunkt Belvedere, Foto: Dominik Ketz, © Medienzentrum der Stadt Wuppertal


Nordbahntrasse

Linearer Spaziergang
22 Kilometer stillgelegte Eisenbahntrasse, heute ein stiller Grünzug mitten durch die Stadt – die Nordbahntrasse ist Wuppertal als horizontale Installation. Street Art, Schrebergärten, versteckte Aussichtspunkte, plötzliche Weitblicke. Sie verläuft durch Stadtteile, die kein Reiseführer beschreibt, und ist trotzdem einer der schönsten urbanen Wege Deutschlands. Am besten ohne Karte.

nordbahntrasse.de

placeholder
Wer tiefer einsteigen möchte: „Fluxus Experience“ (Hrsg. University of California Press) gilt als Standardwerk der Bewegung – geschrieben von Hannah Higgins, der Tochter der Fluxus-Künstler Alison Knowles und Dick Higgins, mit der Unmittelbarkeit einer Zeitzeugin und der Präzision einer Kunsthistorikerin, Cover © University of California Press


Sternstunde des Fluxus

24-Stunden-Happening
Am 5. Juni 1965 lud Galerist Rolf Jährling in seine Jugendstilvilla an der Moltkestraße 67 zur längsten Nacht der deutschen Fluxus-Kunst: 24 Stunden Happening, Mitternacht bis Mitternacht, zehn Mark Eintritt. Joseph Beuys, Nam June Paik, Charlotte Moorman, Wolf Vostell, Bazon Brock – die Avantgarde war vollzählig. Es war der Höhepunkt der Fluxus-Bewegung in Deutschland, und zugleich ihr Abschiedsfest: Jährling beendete mit diesem Abend seine Galeristenlaufbahn und zog nach Afrika. Die Galerie Parnass existiert nicht mehr. Keine Gedenktafel, kein Museum, nichts. Einfach eine Adresse.

Moltkestraße 67, Wuppertal-Elberfeld

 

ESSEN & TRINKEN

Tisch, Glas, Wuppertal
Ein paar Gehminuten von der Moltkestraße entfernt, liegt das San Leo – kleines Lokal, offene Küche, keine Karte, keine Kartenzahlung, keine Kompromisse. Täglich wechselndes Menü, strenge Reservierungspflicht. Danach ein gepflegter Drink in der Rex Bar by Shiraz im Postboutique Hotel – eine Cocktailbar im Stil der 1920er, geführt vom Michelin-Stern-Restaurant Shiraz, das gleich nebenan liegt und einen eigenen Abend verdient.
san-leo.de
restaurant-shiraz.com/rex-bar/

Fotos: © Mazzarella/San Leo, © Shiraz/Rex Bar

placeholder
Carl Grossberg, Brücke über die Schwarzbachstraße in Wuppertal, 1927, Öl auf Holz, Von der Heydt-Museum Wuppertal © Von der Heydt-Museum Wuppertal
placeholder
Carl Grossberg, Selbstbildnis, 1928, Öl auf Holz, Privatsammlung Deutschland, Foto: bildarbeit Henning Krause; darunter: Emmy Klinker, Wuppertal, um 1928, Öl auf Leinwand, Kunst- und Museumsverein im Von der Heydt-Museum Wuppertal © Rechtsnachfolger
placeholder

Von der Heydt-Museum

Sammlung mit Haltung
Eines der renommiertesten Kunstmuseen Deutschlands – und trotzdem kein Pflichtprogramm, sondern ein echtes Vergnügen. Die Sammlung umfasst Kunst vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Impressionismus, Expressionismus und die zwanziger Jahre bilden die Schwerpunkte. Rund 3.000 hochkarätige Gemälde, 500 Skulpturen und 30.000 grafische Blätter gehören zum Bestand, der in wechselnden großen Ausstellungen präsentiert wird. Derzeit läuft die erste Grossberg-Retrospektive seit über 30 Jahren: Carl Grossberg – Sachlich, magisch, visionär zeigt den in Elberfeld geborenen Maler der Neuen Sachlichkeit als präzisen und zugleich traumverlorenen Chronisten von Architektur und Industrie – überraschend aktuell, überraschend wenig bekannt. Parallel dazu: Museum A bis Z – Von Anfang bis Zukunft, eine kluge Selbstbefragung des Hauses im Vorfeld seines 125-jährigen Jubiläums 2027.

von-der-heydt-museum.de

 

placeholder
Villa Amalia, Foto: Guenter Lintl, © Medienzentrum der Stadt Wuppertal
placeholder
Briller Viertel, Roonstraße, Foto: Bjoern Überholz, © Medienzentrum der Stadt Wuppertal

BRILLER VIERTEL

Versteckte Villen
Das Briller Viertel am Hang der Kaiserhöhe ist ein Anachronismus im besten Sinne: Gründerzeit- und Jugendstilvillen, kaum restauriert, kaum beschildert, kaum besucht. Einst Wohnadressen der Textilindustriellen, die diese Stadt reich gemacht haben – heute ruhiges Wohnviertel mit dem leisen Charme von etwas, das sich selbst nicht mehr ganz ernst nimmt. Mit über 200 denkmalgeschützten Gebäuden ist es das größte zusammenhängende Villengebiet der Gründerzeit in Deutschland. Flanieren, entdecken, staunen.

 

placeholder
Museum Industriekultur Wuppertal, Ausstellung Innenaufnahme, Foto: MI Wuppertal, © Medienzentrum der Stadt Wuppertal

Museum für Frühindustrialisierung

Das Tal, das die Welt einkleidete
Wuppertal war eine der Wiegen der deutschen Textilindustrie – und dieses Museum erzählt davon ohne Nostalgie und ohne Staub. Das frisch wiedereröffnete Museum für Frühindustrialisierung zeigt, wie aus einem Tal voller Bäche und Bleichwiesen eine der dichtesten Textil- und Industrieregionen Europas wurde: Baumwolle, Seide, Bandweberei, Färberei – das Bergische Land kleidete die Welt ein. Dazu das Engels-Haus, Geburtsort von Friedrich Engels, dessen Familie ihr Vermögen genau hier, in der Wuppertaler Textilindustrie, gemacht hatte – nicht als ideologisches Denkmal, sondern als gut kuratierter Einblick in großbürgerliches Fabrikantenleben des 19. Jahrhunderts. Ein Museum, das seine Stadt versteht.

mi-wuppertal.de

 

placeholder
© Arends Maubach Gärtnerei
placeholder
© Arends Maubach Gärtnerei
placeholder


Arends Maubach Gärtnerei

Gärtnerei als Weltgeschichte
Auf einem windigen Hügel in Wuppertal-Ronsdorf, im rauen Bergischen Land, liegt einer der ungewöhnlichsten Gartenorte Deutschlands. Die Staudengärtnerei Arends wurde 1888 von Georg Arends gegründet – rund 350 neue Sorten gehen auf ihn zurück, darunter die weltbekannte Astilbe arendsii oder die Bergenia arendsii. Wer heute in irgendeinem Garten der Welt eine Prachtspiere sieht, sieht Wuppertal. Die höchste Auszeichnung des deutschen Gartenbaus für herausragende Staudenzüchtungen trägt seinen Namen: die Georg-Arends-Medaille.
Heute führt Urenkelin Anja Maubach (im Bild) den Betrieb in vierter Generation – als Gartenarchitektin und Buchautorin, mit weltweiten Vorträgen und Workshops, und einem feinen Gespür dafür, was dieser Ort ist und bleiben soll: kein Museum, keine Attraktion, sondern eine lebendige Gärtnerei mit alten Gewächshäusern, verschlungenen Wegen, einem Packschuppen namens „Villa Wellblech” – und einem Wohnhaus, das Montjoie heißt. Bergfreude.

anja-maubach.de/gaertnerei

placeholder
Schwimmoper Wuppertal, Foto: Frank Buetz, © Stadt Wuppertal, GMW


Schwimmoper

Betonpoesie
Die Schwimmoper von 1957 ist Nachkriegsmoderne in Bestform: klar, mutig, fast utopisch in ihrer Überzeugung, dass gutes Design eine demokratische Pflicht ist. Die riesige Glasfront, die steilen Tribünen – kein Spektakel, keine Geste, nur Architektur, die weiß, was sie will. Und ja: Man kann hier auch vortrefflich Bahnen ziehen. Wer durch Wuppertal fährt und dieses Gebäude übersieht, hat etwas Wesentliches verpasst.

wuppertal.de

placeholder
Freifeld Open Ground, Foto: Zillan Mouraki und Jonas Mokosch, © Open Ground
placeholder
Lobby Open Ground, Foto: Zillan Mouraki und Jonas Mokosch, © Open Ground


Club Open Ground

Berghain ohne Pose
Das Open Ground liegt sechs Meter unter der Erde, in einem umgebauten WWII-Bunker nahe dem Hauptbahnhof. Der Club hat vielleicht den besten Sound Europas. Zwei Floors, beide mit Funktion-One-Systemen, 40 Zentimeter Dämmung für Freifeldakustik, kein VIP, kein Dresscode-Theater. Geführt von Markus Riedel, der seine Prägung aus dem Berliner Hard Wax mitbrachte. Das Motto ist kein Motto, sondern eine Haltung: Musik first. Wer die Nacht gemächlich beginnen möchte: Das Café 23 direkt vor dem Eingang ist an Clubabenden bis Mitternacht geöffnet – die Schwebebahn hält gleich davor.

openground.club/de
23.wuppertal.cafe

placeholder
@ Urtak Hoti / Unsplash


Schwebebahn

Nachtfahrt
Irgendwann vor Mitternacht, fast leere Waggons, das Schaukeln der Kabine über der Wupper. Die Schwebebahn fährt bis 23:23 Uhr — und kurz vor Schluss wird sie zum fahrenden Gedicht. Kein anderes Verkehrsmittel einer deutschen Stadt hat diese Qualität: Tempo ohne Eile, Höhe ohne Angst, ein leises Gleiten über das schwarze Wasser. Nicht ankommen wollen.

wuppertaler-stadtwerke.de

placeholder

„Malerei ist Überzeugungsarbeit“

… sagt Eilike Schlenkhoff. Die Wuppertaler Künstlerin, die zu den eigenwilligsten Positionen ihrer Generation gehört, im Porträt.

>>>