INTERVIEW MIT LARA KAISER UND MARA POLLAK
„LIEBE ZUM HÄSSLICHEN“
Das Ruhrgebiet ist längst mehr als die Summe seiner industriellen Vergangenheit – es ist ein Raum, in dem sich künstlerische Positionen an den Bruchstellen von Geschichte, Identität und Transformation reiben. Künstlerinnen und Künstler, die hier arbeiten oder von hier stammen, setzen sich mit den Sedimenten des Wandels auseinander – mit leerstehenden Industriebauten ebenso wie mit Nachkriegskirchen, mit Migrationsbewegungen und dem Verlust von Gemeinschaftsstrukturen. Wir haben zwei Künstlerinnen zum Gespräch gebeten, die beide mit dieser Region verbunden sind: Lara Kaiser wurde im Ruhrgebiet geboren und lebt heute in Düsseldorf. Mara Pollak, geboren im Rheinland und in München lebend, setzt sich in ihrer Arbeit immer wieder mit der Transformation der Region auseinander. Ein Gespräch über Herkunft und Verortung, über Raum, Arbeit und künstlerische Praxis
Lehel.Art: Das Ruhrgebiet wird oft als „Schmelztiegel“ beschrieben – industriell, kulturell, sozial. Was macht für euch persönlich die Identität dieser Region aus?
Lara Kaiser: Ich bin in Witten geboren und in Dortmund aufgewachsen – das hat mich stark geprägt und meine ästhetische Wahrnehmung von Architektur und Raum nachhaltig beeinflusst, sowohl formal als auch konzeptionell. Das Ruhrgebiet ist für mich bis heute ein Ort mit vielen Anknüpfungspunkten, künstlerisch wie privat. Zwei Jahre lang hatte ich mein erstes Atelier in Mülheim an der Ruhr, eine intensive Zeit. Entscheidend ist für mich das besondere Raumgefüge: viele kleine Zentren, die ineinanderfließen und eine enorme Ressource bilden.
Mara, du kommst aus dem Rheinland, lebst heute in München, woher rührt deine Nähe zum Ruhrgebiet?
Mara Pollak: Das begann mit meiner Arbeit über die Umsiedlungsprozesse im rheinischen Braunkohlerevier zwischen Köln und Aachen, welche ich seit mehreren Jahren fortführe. Mit der Zeit entwickelte sich ein Interesse, den Blick auch auf eine angrenzende Region zu richten – die den Kohleausstieg bereits hinter sich gelassen hat. Welche Transformationsprozesse sind im Ruhrgebiet sichtbar? Wie haben diese die Umgebung beeinflusst oder verändert? Ähnlich wie Lara fasziniert es mich, dass es im Ruhrgebiet kein klares Zentrum gibt, sondern viele gleichwertige Städte. Diese Anti-Monumentalität – wenn man so will – passt zu meinem Interesse an räumlichen und gesellschaftlichen Strukturen. Industrie, Migration, Arbeit und Transformation: Die Region ist reich an Geschichten, und ich stehe noch am Anfang ihrer Erforschung.
Dann wäre doch eine Residency im Ruhrgebiet das Richtige?
Mara Pollak: (lacht) Ja, das wäre natürlich gut. Anfang letzten Jahres war ich im Künstlerhaus Dortmund zu Gast und konnte mit Recherchen und ersten Fotografien beginnen. Das würde ich gerne sobald wie möglich fortsetzen.
Gibt es eigentlich so etwas wie eine Ruhrgebietsästhetik in der Kunst oder ist das eine romantische Projektion von außen?
Lara Kaiser: Von einer klar umrissenen Ästhetik zu sprechen, fällt mir schwer. Vielleicht ist es eher eine Haltung gegenüber Arbeit oder Kunst, das würde für mich besser passen.
Wie siehst du das, Mara?
Mara Pollak: Ich bin mir auch nicht sicher. Natürlich fallen mir bestimmte ikonische Bilder oder Klischees ein: Industrieanlagen mit einer bestimmten Patina, Leere, Weite, etwas Dunkles, vielleicht auch Raues – und natürlich die Fotografie von Bernd und Hilla Becher.
Lara Kaiser: Neben diesen Bildern denke ich auch an konkrete Kunst und monumentale Skulpturen im öffentlichen Raum, etwa von Carlernst Kürten. Solche Arbeiten prägen die Orte hier nachhaltig, im Zusammenspiel mit Architektur. Doch das verweist auf eine andere Zeit, seither hat sich viel verändert.
Ist die Region weiterhin identitätsprägend?
Lara Kaiser: Unbedingt. In meiner Kindheit waren Industriemuseen präsenter als Kunstmuseen. Auch nach der Schließung der letzten Zeche 2018 bleibt ein starkes Gemeinschaftsgefühl – verbunden mit der Geschichte von Arbeit und Energieproduktion. Die Spuren des Bergbaus sind allgegenwärtig: Halden, umgenutzte Bahntrassen, Industriebauten. Orte wie der Landschaftspark Duisburg-Nord zeigen, wie Geschichte integriert statt überdeckt wird.
Da hat auch die Kunst einiges bewirkt, beispielsweise die Triennale Emscherkunst. 2019 wurde entschieden, den Skulpturenweg als Emscherkunstweg fortzuführen.
Lara Kaiser: Ja, die Emscherkunst war prägend, auch die Ruhr.2010 mit dem Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas war aus meiner Sicht ein richtungsweisendes Projekt. Daran erinnern sich viele noch.
2026 wird die Manifesta 16 Ruhr stattfinden. Wendepunkt oder Bestätigung?
Mara Pollak: Eher Bestätigung. Die Manifesta bringt internationale Aufmerksamkeit und lädt neue BesucherInnen ein. Ihr Ansatz, leerstehende Nachkriegskirchen als Orte des Dialogs neu zu denken, führt den Transformationsprozess konsequent fort. Die Umnutzung sakraler Räume finde ich besonders spannend.
Lara Kaiser: Und es sind ja nicht irgendwelche Kirchen, sondern Bauten mit einer sehr spezifischen Ästhetik – brutalistisch, teilweise hässlich oder einfach sehr speziell. Gebäude, die viel Geschichte mitbringen, die sich mit dem Strukturwandel in der Region verbinden, mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg. Sie spiegeln auch eine Haltung wider, die das Ruhrgebiet bestimmt: eine Region, die nach dem Krieg stark zerstört war. Diese Gebäude jetzt wieder neu zu nutzen, macht im Sinne ökologischen Denkens und im Sinne der Bedürfnisse von Gemeinschaften vor Ort Sinn. Die Gesellschaft ist heterogener geworden und braucht Orte, wo sie auch außerhalb von Religion zusammenfinden kann. Wenn die Manifesta langfristig etwas entwickelt, was für die Menschen vor Ort bleibt und spürbar wird, ist das wunderbar.
Du beschäftigst dich in deiner Arbeit mit genau diesen Formen des Strukturwandels, Mara. Sind seine Spuren für dich Material, Metapher oder beides?
Mara Pollak: Beides. Es beginnt als Material oder Forschungsobjekt und wird dann zur Metapher. Im Vergleich zur Dokumentarfotografie verwende ich eine ganz andere Bildsprache. Es ist zuerst ein Erforschen meiner Umwelt und das Abbilden der tatsächlichen Wirklichkeit. Dann beginnt das für mich eigentlich Spannende an der Fotografie oder der Kunst: dass ich im Vergleich zu einem dokumentarischen Bild die Möglichkeit habe, alles aus einer anderen Perspektive zu sehen und ungerichtet zu erforschen. Das ist der Moment, wo es zur Metapher wird, weil ich als Subjekt durch die Fotografie etwas über mein Nachdenken über die Welt sagen kann. Und wenn das im nächsten Schritt bei den Betrachtenden Emotionen auslöst, egal in welcher Form, oder sie beginnen, sich politische Fragen zu stellen oder die eigene Haltung zu hinterfragen, dann ist das für mich eine der essentiellen Wirksamkeiten von Kunst.
Die Falten eines Vorhangs, Treppenstufen im Schattenspiel, eine Fensterblattpflanze, gespiegelt im Scheibenglas – Lara, inwieweit bist du in deinen Motiven beeinflusst von deiner Umgebung?
Lara Kaiser: Ich beginne meist mit konkreten Orten, die ich zeichnerisch und fotografisch erfasse. Im Malprozess löse ich sie jedoch aus ihrem Kontext und verdichte sie zu allgemeineren Motiven – Fenster, Türen, Vorhänge. Es geht um Licht, Farbe, Komposition, um genuin malerische Fragen.
Spielt deine Verortung im Ruhrgebiet dabei eine Rolle?
Lara Kaiser: Vielleicht indirekt. Mir wurde öfter eine „Liebe zum Hässlichen oder Unfertigen“ attestiert – rohe Wände, Zwischenzustände, Leerstellen. Solche Elemente begleiten meine Arbeit bis heute, auch wenn sich die Schwerpunkte verschieben. Es ist ein kontinuierlicher Prozess, der sich immer wieder um Interieurs dreht.
Mara Pollak: Was mich an deiner Arbeit angesprochen hat, ist unser gemeinsames Interesse an Materialität, Oberflächen und Licht – du in der Malerei, ich in der Fotografie.
Lara Kaiser: Das empfinde ich ähnlich.
Mara Pollak: Vielleicht ist es diese erste Herangehensweise, zu erforschen und zu sehen: Was gibt es für Details, was für Strukturen, was interessiert mich gerade an einer Hausecke besonders oder an einer Fassadenoberfläche. Für mich folgt auf die genaue Beobachtung stets ein konzeptueller Schritt – ein theoretischer oder erzählerischer Bezug, der nicht immer unmittelbar sichtbar sein muss.
Lara Kaiser: In der Malerei ist zudem die Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte zentral. Sobald man malt, muss man sich auch mit ihr beschäftigen, sich darin verorten, positionieren, bewegen. Sie wird oft als Ballast beschrieben, für mich ist sie Inspiration und Dialograum.
Mara Pollak: In der Fotografie ebenfalls – auch wenn ihre Geschichte kürzer ist. Die Auseinandersetzung mit fotografischen Traditionen, mit dokumentarischen oder konzeptuellen Positionen, gehört für mich selbstverständlich dazu.
Lara Kaiser: Vielleicht geht es auch gar nicht so sehr um die spezifischen Medien, den Diskurs zwischen Malerei und Fotografie haben wir bereits ausführlich geführt. Letztlich geht es heute um ein erweitertes Bildverständnis. Malerei, Fotografie, Film – alles ist miteinander verschränkt.
Woran arbeitet ihr derzeit?
Mara Pollak: Ich komme gerade von einer Residency in Mecklenburg-Vorpommern zurück und entwickle die dort entstandenen Arbeiten weiter. Zudem bin ich an einer Ausstellung in Trier beteiligt, erstmals im Außenraum – eine neue Form der Präsentation für meine Fotografien. Mehr kann ich noch nicht verraten.
Lara Kaiser: Ich arbeite intensiv an neuen Leinwänden, derzeit an Stühlen in Räumen. Parallel experimentiere ich mit Papierarbeiten. Im Mai stelle ich gemeinsam mit Paula Knaps-Loos in der Galerie Monica Ruppert aus – eine Kooperation, auf die ich mich sehr freue.
Vielleicht ist dieses Gespräch ein Auftakt für ein gemeinsames Projekt in Wuppertal, wo Lehel.Art demnächst einen temporären Kunstraum bespielt …
Mara Pollak: Die Parallelen unserer Arbeiten bieten jedenfalls Potenzial – etwa im Dialog von Oberflächen und Licht.
Lara Kaiser: Entscheidend ist der Kontext. Im Dialog kann viel entstehen.
Wir danken euch für das Gespräch.
Lara Kaiser, 1996 in Witten geboren, studierte an der Kunstakademie Münster und schloss ihr Studium als Meisterschülerin von Cornelius Völker ab. 2022 war sie Artist in Residence im Programm JUNGE KUNST der Stadt Mülheim an der Ruhr. Ein Jahr später erhielt sie den Förderpreis der Grossen Kunstausstellung NRW. Ihre Arbeiten wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt und waren unter anderem im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr zu sehen. Ihre Malereien befinden sich sind in öffentlichen Sammlungen, darunter im Düsseldorfer Landtag und im Kunsthaus NRW.
Kaisers Malerei thematisiert das Wie des Sehens. Ihre Arbeiten im kleinen Format basieren häufig auf scheinbar alltäglichen Räumen: Fenster, Vorhänge, Pflanzen oder Türen. Die Grenze zwischen Gegenständlichem und Abstraktem bleibt dabei fließend. Im Zentrum der Bilder stehen Fragen von Licht, Flächen, Grenzen und Farbe.

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Mara Pollak wurde 1986 in Oberwesel am Rhein geboren. Sie graduierte 2021 als Meisterschülerin von Julian Rosefeldt an der Akademie der Bildenden Künste München und erhielt, neben weiteren Preisen und Stipendien, 2018 den Förderpreis für Fotografie der Stadt München. 2025 war sie Artist in Residence im Schloss Plüschow und nahm an der Residency „Urban Meets Rural – Künstlerhaus Dortmund meets Kebbel Villa“ teil. Ihre Arbeiten werden international ausgestellt und waren zuletzt in der Staatsgalerie Stuttgart und am Goethe-Institut Paris zu sehen.
Pollak widmet sich in ihren fotografischen Arbeiten der Betrachtung menschlicher Existenz innerhalb gesellschaftspolitischer Strukturen, um komplexe soziokulturelle Narrative sichtbar zu machen. Durch ihre reduzierte, zugleich eindringliche Bildsprache vereint sie präzise Dokumentation mit ästhetischer Reflexion und eröffnet subtile Einsichten in das Zusammenspiel von Raum, Identität und dem Politischen.

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