INTERVIEW MIT LISA BAUER-ZHAO
MAL ER, MAL SIE
Im Museum für Neue Kunst in Freiburg begegnen sich zwei Positionen, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten – und doch eine gemeinsame Sprache finden: der 2003 verstorbene Maler Artur Stoll, bekannt für seinen „handgreiflichen“ Umgang mit der Farbe als formbarer Stoff, und die
junge Künstlerin Olga Jakob, deren Arbeiten das Material selbst sprechen lassen. Unter dem Titel „MAL ER, MAL SIE“ stellt das Museum zwei künstlerische Haltungen gegenüber, die sich über Jahrzehnte hinweg berühren. Wir sprachen mit Kuratorin Lisa Bauer-Zhao über Farbe, Fläche, Wahrnehmung – und die Frage, was Malerei heute noch erzählen kann
Wie entstand die Idee zur Ausstellung „MAL ER, MAL SIE“ – was war der Auslöser, diese beiden Künstlergenerationen in einen Dialog zu bringen?
Was ist Malerei heute? Oder vielmehr: was kann Malerei sein? Das war eine Ausgangsfrage, mit der wir an diese Ausstellung herangegangen sind.
Artur Stoll ist auch gut 20 Jahre nach seinem frühen Tod eine wichtige malerische Position – insbesondere in der Region Freiburg. Hier ist er verwurzelt gewesen und hier ist auch die renommierte Sammlung Morat beheimatet, aus der die gezeigten Werke Stolls in der Ausstellung stammen. Bereits in den späten 1980er Jahren wurde Artur Stoll in unserem damals noch jungen Haus eine Einzelausstellung – auch damals in Zusammenarbeit mit dem Morat Institut für Kunst und Kunstwissenschaft – gewidmet. Auch ausgehend hiervon haben wir uns gefragt, wie wir die künstlerische Position Artur Stolls heute zeigen können, wie die Fragen, die sie aufwirft, ins Heute holen und seinen Zugang zur Malerei – diese Unbedingtheit – in die Zukunft führen? Denn ein Kernpunkt der kuratorischen Arbeit ist ja nicht nur was man ausstellt, sondern auch wie. So war uns schnell klar, dass wir weg wollen von einer retrospektiven Betrachtung seines Werks und uns vielmehr mit den Fragen an und über die Malerei auseinandersetzen wollen, die darin aufscheinen.
Das Werk Olga Jakobs, von der wir 2022 zwei Arbeiten für unsere Sammlung ankaufen konnten, schien uns besonders interessant als Gegenüber: Die Künstlerin versteht ihre Rauminstallationen aus Materialien wie Stoff und Seidenpapier als Malerei, sich selbst als Malerin. So losgelöst von einem klassischen Verständnis von Malerei eröffnen sich völlig neue Denkräume darüber, was Malerei sein kann. Bewegung, Veränderung, Raum – das sind Themen die plötzlich auftauchen und die im Wechsel der Perspektive auch in der Stollschen „Ölfarbe auf Leinwand“-Malerei auf einmal ganz selbstverständlich Bedeutung bekommen.
Warum gerade Artur Stoll und Olga Jakob? Was verbindet diese beiden Positionen, und worin unterscheiden sie sich grundlegend?
Auf den ersten Blick scheinen sich die beiden Positionen – abgesehen von der Äußerlichkeit, dass beide an der Kunstakademie Karlsruhe studiert haben – stark zu unterscheiden:
Bei Artur Stoll begegnen wir einer sehr dichten Malerei, der dick und pastos aufgetragenen Ölfarbe auf Leinwand. Olga Jakobs Werk hingegen ist geprägt von Leichtigkeit, Durchlässigkeit, dem fließenden Stoff, dem fast durchscheinenden Seidenpapier. Und genau in dieser Auflistung kommt man zu Ähnlichkeiten, die über das Oberflächliche hinausgehen, denn bei beiden ist die Materialität von elementarer Bedeutung. Beide Künstler:innen arbeiten mit dem, was das Material bietet und zur Verfügung stellt. Beide befragen das Material und hinterfragen damit die Malerei und versuchen in ihrem Schaffen Grenzen der Malerei auszuweiten.
Artur Stoll bevorzugte einfache Motive, charakteristische Ausschnitte aus der Natur oder Dingwelt. Was macht seine Malerei heute noch relevant?
Relevant ist an seiner Malerei auch heute noch die Unbedingtheit, mit der er an das Malen herangegangen ist. Das ist vielleicht gerade auch das, was uns heute etwas befremden mag oder als aus der Zeit gefallen erscheint. Franz Armin Morat sprach einmal davon, dass die Malerei Stolls eine Ahnung von Ungeschichtlichkeit ermöglicht. Es ist eine Malerei, die uns viel über das Malen und damit auch über das Erleben von Malerei sagen kann.
So haben wir Werke gewählt, die verschiedene grundlegende Aspekte der Malerei zeigen – Nähe, Ferne, Distanz, Gegenständlichkeit, Abstraktion – und die diese Schlagworte mit Leben füllen, sie erfahrbar machen. Und natürlich haben wir auch einfach solche gewählt, die uns am meisten angesprochen haben.
Olga Jakob steht für eine zeitgenössische, materialbewusste Arbeitsweise. Was fasziniert Sie an ihrer künstlerischen Haltung und ihrem Zugang zu Farbe?
Ihr Umgang mit Raum ist es, der mich am meisten fasziniert. Olga Jakob reagiert in der Hängung immer auf den Raum und dessen bauliche und architektonische Gegebenheiten. So entsteht mit jeder Installation auch das Werk neu. In der gleichen Form ist ein Werk von ihr so nie vollständig an einen anderen Ort übertragbar. Das gilt natürlich vor allem für die raumgreifenden Installationen, aber auch selbst für Arbeiten auf Keilrahmen, wie das in der Ausstellung gezeigte „Chess Flower“: Hier hat die Künstlerin Textilbahnen auf einen Keilrahmen gespannt und durch die Wegnahme und das Lösen von einzelnen Fäden ein Bild entstehen lassen, das jedoch erst im Zusammenspiel mit der darunterliegenden, durchscheinenden Wand und dem Spiel von Licht und Schatten vollständig wird.
Sie arbeitet also nicht nur mit dem konkret greifbaren, von ihr geformten Material, sondern immer auch mit dem Raum, der das Werk umgibt. Er wird quasi auch zu ihrem Material, ist Teil der Arbeit. Diese steht nie für sich alleine, sondern geht mit ihrer Umgebung eine Beziehung ein, ist nie abgeschlossen. Als Betrachter:in bin ich damit immer aufgefordert, mich auch mit meinem Erleben auseinanderzusetzen, mit meinem Sein, meiner Bewegung im Raum.
Beide Künstler verbindet das Interesse an „Farbe als Materie“. Wie zeigen Sie diese Gemeinsamkeit in der Ausstellung, und wo liegen die Brüche?
Die Ausstellung wird geleitet von Fragen, die verschiedene Aspekte der zugrundeliegenden Frage „Was kann Malerei sein?“ ansprechen. Die Besuchenden werden also sowohl mit den Werken als auch mit Fragen an die Werke und an die Malerei konfrontiert. Es sind Fragen, die im besten Falle neugierig machen, sich ganz persönlich zu fragen, wie diese Aspekte der Malerei das Erleben leiten und was diese für das Erfahren der Kunst – und damit auch der Brüche und Gemeinsamkeiten – bedeutet.
Wie haben Sie die Präsentation im Raum konzipiert? Gibt es eine bestimmte Dramaturgie oder visuelle Choreografie, die den Dialog unterstützt?
MAL ER, MAL SIE – der Titel der Ausstellung ist Programm. Wir zeigen die Arbeiten, die Herangehensweisen größtenteils abwechselnd, aber auch mal gemeinsam. Man läuft von Raum zu Raum – wir sind in einer alten Mädchenschule angesiedelt, sodass unsere Ausstellungsräume Klassenzimmergröße haben – und erlebt mal abwechselnd, mal gemeinsam die Werke der beiden Künstler:innen.
Das birgt viele Überraschungen – kann mal sehr spielerisch sein, aber auch sehr unerwartet. Es wird auf jeden Fall spannend bleiben.
Wie war es, eine lebende Künstlerin mit einem bereits verstorbenen Maler zu „konfrontieren“? Gab es Momente, in denen dieser Dialog überraschend lebendig wurde?
Ja, das ist unglaublich lebendig! Besonders schön ist es zu sehen, dass das, was wir uns in der Theorie überlegt hatten, nun, im Aufbau, allmählich entsteht: Wie durch das Zusammenspiel der Werke Olga Jakobs und Artur Stolls, die Arbeiten beider Positionen in neuem Licht erscheinen, neue Farbklänge aufleuchten und man mit einem neuen Blick auf die Werke schaut – auf die Materialität, auf die Herangehensweise an das künstlerische Schaffen.
Olga Jakob hat für die Ausstellung eine ganz neue Arbeit entwickelt, die zwei Räume der Ausstellung umfasst. Diese wird sich ständig verändern, denn die großen Stoffbahnen, die auf Drahtseilen hängen, dürfen von den Besuchenden – ganz vorsichtig mit Handschuhen – bewegt werden. Diese Arbeit ist mit der Perspektive, dass sie Artur Stolls Werk gegenübertreten wird, entstanden, was natürlich schon per se etwas unglaublich Lebendiges hat. Und auch unsere Auswahl an Werken Stolls entstand ja unter dem Eindruck, dass sie mit Olgas Werken zusammentreffen werden. Das ist ja auch schon eine ganz andere Herangehensweise, als wenn man eine Einzelausstellung zusammenstellt.
Zwischen den beiden liegt eine Zeitspanne von rund 40 Jahren – ist das eher eine Distanz oder eine Bereicherung?
Das kann ich ganz kurz beantworten: Auf jeden Fall eine Bereicherung! Es eröffnet neue Blickwinkel und Perspektiven, stellt scheinbar Selbstverständliches wieder infrage und öffnet damit Denk- und Erfahrungsräume.
Welche Rolle spielt Freiburg als Ort dieser Ausstellung? Hat der regionale Bezug eine besondere Bedeutung?
Artur Stoll war seiner Heimat sehr verbunden – er sagte, er könne nur malen, was er kenne. Und das ist auch in seinen Werken sichtbar: Sein Heimatort Norsingen im nahen Markgräflerland ist ein zentrales Thema seiner immer im Gegenständlichen verbleibenden Malerei. Noch immer, auch gut 20 Jahre nach seinem Tod, gibt es viele Menschen, die Artur Stoll sehr verbunden sind – darunter natürlich vor allem auch Eva M. und Franz Armin Morat.
Was sollen die Besucherinnen und Besucher nach dem Ausstellungsbesuch mitnehmen – ein bestimmtes Gefühl, eine neue Sicht auf Malerei, vielleicht sogar auf das Verhältnis von Generationen?
Eine eigene, neue Sicht darauf, was Malerei sein kann, wie man Kunst begegnen kann, wie man Malerei erfahren kann – das wäre natürlich das Ideal.
Die Ausstellung lädt immer wieder dazu ein, sich selbst zu bewegen und zu positionieren: Einerseits über die Fragen, aber natürlich vor allem auch, da Olga Jakobs Arbeit erst durch die Bewegung vollständig erfahrbar ist. Die eigene Bewegung der Besuchenden im Raum, aber auch bei der neu entstandenen Arbeit Ondit Murmur: Die Bewegung des Werks selbst durch die Besuchenden ist essentiell. Aber auch Artur Stolls Werke erfordern durch die schiere Größe die Bewegung: Im Wechsel der Fern- und Nahsicht tauchen viele Aspekte der Arbeiten erst auf.
Doch auch darüber hinaus fordert die Ausstellung auf mitzumachen: Da gibt es zum Beispiel das Modell eines Museumsraums mit Stolls 17-teiliger Arbeit „De Norso“, an dem man ausprobieren kann, wie sich die Wirkung von Werken verändert, wenn sie anders zueinander in Bezug stehen – und das kann man dann an einigen Terminen mit uns Kuratorinnen und einem Restaurator auch praktisch ausprobieren. Es lohnt sich also, immer wieder zu kommen!
„MAL ER, MAL SIE“ ist mehr als eine formale Gegenüberstellung. Es ist eine stille Konversation über Generationen hinweg – zwischen dem Nachklang einer vergangenen Malerwelt und der Präsenz eines zeitgenössischen Blicks.
Alle gezeigten Werke Artur Stolls stammen aus der renommierten Freiburger Sammlung Morat.
Eva M. und Franz Armin Morat legten ihren Schwerpunkt auf ein Sammeln in die Tiefe: wenige ausgesuchte künstlerische Positionen, darunter insbesondere Artur Stoll, von dem die Sammlung Morat mehrere hundert Werke beheimatet.
MAL ER, MAL SIE. Artur Stoll und Olga Jakob
Museum für Neue Kunst Freiburg
Noch bis 12. April 2026
Nicht nur im Museum für Neue Kunst Freiburg sind Arbeiten von Artur Stoll zu sehen – auch die Sammlung Thomas Kuhmann umfasst ein umfangreiches Konvolut seines Schaffens. Seit den 1990er-Jahren begleitet Thomas Kuhmann das Werk des Künstlers und hat zahlreiche Arbeiten erworben: Stoll-Bilder in unterschiedlichen Formaten, Techniken und Themen. Besonders hervorstechend sind die sogenannten Schaufel- und Hasenansichten aus jener Zeit, als Stoll in einem Stall im Schwarzwald lebte.
„Artur Stoll verdient es, nicht vergessen zu werden – schön, dass mit der Ausstellung in Freiburg nun posthum ein Lichtzeichen gesetzt wird.“
Thomas Kuhmann
Kunst erleben, Orte entdecken
Freiburg
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