Lehel.Art Hamburg und München – Teil I

ZURÜCK ZUR NATUR

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Kaum ein Museum schafft es so selbstverständlich, Kunst und Natur in Einklang zu bringen, wie das zwischen ländlicher Idylle und Bergkulisse gelegene Franz Marc Museum in Kochel am See. Wir trafen Museumschefin Jessica Keilholz-Busch und sprachen mit über ihren neuen Arbeitsplatz. Der Ausblick beim Gespräch? Grandios!

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Aufmacher: Franz Marc, Affenfries, 1911, Öl auf Leinwand, Hamburger Kunsthalle, Foto: bpk | Hamburger Kunsthalle | Elke Walford
Oben: Mit Franz Marcs Eselfries im Hintergrund: Jessica Keilholz-Busch, Direktorin, © erlebe-bayern – Dietmar Denger

Ein Jahr Direktorin des Kochler Franz Marc Museums – wie geht es Ihnen, Frau Keilholz-Busch, und was konnten Sie in den zurückliegenden 365 Tagen bewirken?

Das erste Jahr verging wie im Flug. Schon kurz nach meinem Amtsantritt stand mit der Ausstellung Franz Marc. Das Reh fühlt das erste größere Projekt an, das ich verantworten durfte, inklusive begleitendem Katalog. Es folgten die Ausstellungen Zeitfragmente im Winter und Elfriede Lohse-Wächtler im Frühjahr, mit denen wir sehr unterschiedliche Facetten der Moderne und ihre gesellschaftlichen Brüche sichtbar machen konnten.

Parallel habe ich begonnen das Programm der kommenden Jahre strategisch weiterzuentwickeln. Dabei liegt mir besonders am Herzen, das Museum noch stärker als offenen Ort für Austausch, Bildung und Reflexion zu positionieren. Wir haben die Museums-App grundlegend überarbeitet und arbeiten derzeit an einer neuen Website, die unsere Inhalte zeitgemäß und barriereärmer vermittelt. Auch die museumspädagogische Arbeit wird mit mehr Beteiligungsangeboten, intergenerationellen Formaten und einer stärkeren Anbindung an die Region neu ausgerichtet.

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In einer Waldlichtung gelegen: Alt-und Neubau des Franz Marc Museums
© Franz Marc Museum, Foto: Doris Leuschner

Maria Marc war so viel mehr als bloß „die Frau von“. Ihnen ist es in der kurzen Zeit gelungen, den Erwerb ihres Gemäldes „Blumen und Blätter“ durchzusetzen. Werden Sie auch weiterhin weibliche Positionen in der Kunst stärken?

Ja, absolut. Die Sichtbarmachung weiblicher Positionen in der Kunst ist eines meiner zentralen Anliegen und das teile ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen in der Museumslandschaft. Noch immer zeigt sich, wie lange Künstlerinnen im Schatten ihrer männlichen Kollegen standen oder gar vergessen wurden. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Kuratorin aus New York, die sagte: „Wir haben am Guggenheim gefühlt 50 Ausstellungen zu Kandinsky gemacht – aber keine zu Gabriele Münter.“ Das sagt sehr viel über den strukturellen Nachholbedarf, national wie international.

Umso wichtiger ist es, diese Lücken bewusst zu benennen und neue Perspektiven einzunehmen. Der Ankauf des Werkes von Maria Marc ist dafür ein klares Zeichen, ebenso wie die Ausstellung zu Elfriede Lohse-Wächtler. Viele unserer Besuchenden kannten diese Künstlerin vorher kaum, umso eindrücklicher ist ihre Reaktion: echtes Staunen, Neugier, tiefes Interesse.

Das Franz Marc Museum ist ein Ausflugsmuseum, seine Besucher sind nicht die typischen urbanen Kunstinteressierten. Inwieweit gehen Sie kuratorisch auf diese breitere Zielgruppe ein?

Das war für mich nach vielen Jahren in einem städtisch geprägten Haus wie dem Lehmbruck Museum tatsächlich eine Umstellung. Viele unserer Besuchenden hier in Kochel kommen nicht aus dem Kunstbetrieb und zählen Museen nicht zu ihren alltäglichen Kulturorten. Genau das sehe ich als Chance: Wir erreichen Menschen, die offen sind, sich auf Neues einzulassen… wenn man ihnen die richtigen Zugänge bietet.

Deshalb ist mir eine inklusive und mehrstufige Vermittlung besonders wichtig. Ich versuche, in jede Ausstellung unterschiedliche Vertiefungsstufen einzubauen. Wer einfach nur schauen und die Kunst auf sich wirken lassen möchte, kann das tun. Wer sich tiefer einlesen oder Zusammenhänge verstehen will, findet begleitende Texte, Medien oder Audioguides. Auch sprachlich und gestalterisch achte ich darauf, dass Informationen verständlich, einladend und nicht voraussetzungsreich sind. Es geht darum, unser Publikum dort abzuholen, wo sie stehen, unabhängig von Vorwissen oder sozialer Prägung. Und wenn jemand am Ende mit einem neuen Gedanken oder einer ungeahnten Faszination für die Kunst oder ein Werk nach Hause geht, ist das für mich ein echter Erfolg.

Der wachsende Einfluss sozialer Medien sowie der allgegenwärtige Diskurs über Nachhaltigkeit, Partizipation, Demokratisierung, Inklusion und Diversität erfordern auch eine kritische Selbstreflexion seitens der Kulturinstitutionen. Was bedeutet das für Sie als Direktorin eines Museums?

Für mich bedeutet das vor allem, niemals davon auszugehen, dass man als Institution oder Leitungsperson alles weiß. Im Gegenteil: Es ist essenziell, sich selbst immer wieder kritisch zu hinterfragen, offen zu bleiben für neue Perspektiven, den Austausch zu suchen. Und vor allem: zuzuhören. Nur so kann ein Museum wirklich relevant bleiben und als Ort des Dialogs und der gesellschaftlichen Teilhabe wirken.

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Oskar Kokoschka, Tigerlöwe, 1926, Belvedere, Wien, Foto: Johannes Stoll

Wo liegen Ihre Schwerpunkte für die kommenden Jahre?

Die strategische Ausrichtung für das Franz Marc Museum orientiert sich an den globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung. Ich sehe das Museum als einen Ort, der nicht nur Kunst zeigt, sondern über die Mittel der Kunst gesellschaftliche Themen verhandelt, zum Nachdenken anregt und Dialog ermöglicht. Es soll ein Ort sein, der sich nicht vor aktuellen Debatten verschließt, sondern Relevanz für die Menschen hat, die uns besuchen.

Inhaltlich möchte ich vor allem zwei Themen weiter vertiefen: das Verhältnis von Mensch und Tier als einem zentralen Motiv im Werk Franz Marcs und die Sichtbarkeit weiblicher künstlerischer Positionen. Beides sind Themen mit hoher künstlerischer wie gesellschaftlicher Bedeutung, die ich konsequent in Programm, Sammlung und Vermittlung verankern möchte.

Darüber hinaus liegt mir die Weiterentwicklung unserer Kommunikation und Vermittlungsarbeit besonders am Herzen. Wir wollen stärker mit unserem Publikum in den Austausch treten, neue Formate erproben und unsere museumspädagogische Arbeit inklusiver und partizipativer machen und regional stärker verankern. Kollaborationen mit anderen Museen, Bildungseinrichtungen oder Akteur:innen aus der Zivilgesellschaft sind zum Teil bereits angestoßen, sollen aber in Zukunft weiter intensiviert werden.

Zuletzt zeigten Sie die Ausstellung „Die Moderne im Zoo“, die zoologische Gärten als Inspirationsquelle für die Kunst der Moderne beleuchtete. Zoos sind heute ein sehr umstrittenes Thema. Viele Tierschützer kritisieren die Haltung von Tieren in Gefangenschaft und sehen sie als nicht artgerecht an. Spiegelte sich diese gesellschaftliche Entwicklung in der Ausstellung wider?

In gewisser Weise – ja. Gerade weil die Debatten um Tierethik und Artenvielfalt heute wieder sehr präsent sind, verstand sich die Ausstellung auch als Beitrag zur Reflexion über das Mensch-Tier-Verhältnis im Allgemeinen. Unsere Ausstellung betrachtete allerdings ein historisches Phänomen und nicht die Gegenwart. Die Debatten ähneln sich dennoch. Unser Fokus richtete sich auf die Zeit um 1900, in der sich Zoos grundlegend veränderten: weg von der engen Käfighaltung hin zu sogenannten Panoramen, die durch Felsen, Wassergräben und Sichtachsen eine illusionistische Naturnähe erzeugten. Auch damals wurden Fragen nach artgerechter Haltung und dem moralischen Umgang mit Tieren intensiv diskutiert – Themen, die in der Ausstellung bewusst aufgegriffen und in ihren historischen Kontext gestellt wurden.

Aber in der Ausstellung ging es nicht nur um zoologische Entwicklungen, sondern auch um das Tier als Spiegel gesellschaftlicher und künstlerischer Fragen. Die Ausstellung lud ein, den Zoo als ästhetischen, politischen und emotional aufgeladenen Raum der Moderne zu begreifen, als Bühne des „Anderen“ und als Ort künstlerischer Verwandlung. Sie beleuchtete kritisch, wie Tiere dargestellt, instrumentalisiert oder idealisiert wurden und was das über das Selbstverständnis des Menschen verrät. Aber vor allem, was es Künstlerinnen und Künstler so magnetisch and diesen Ort gezogen hat.

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August Macke, Kleiner Zoologischer Garten in Braun und Gelb, 1912, Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Frankfurt, Düsseldorf, Basel, schließlich Duisburg – erscheint Ihnen nach Jahren in urbanen Räumen Kochel und Umgebung nicht provinziell?

Natürlich ist das Leben und Arbeiten in Kochel anders als in einer Großstadt. Aber gerade diese Konzentration auf das Wesentliche, auf das Museum, die Kunst und die direkte Begegnung mit den Besuchenden empfinde ich als große Bereicherung.

Zudem ist das Franz Marc Museum kein Museum „nur“ für Kochel, sondern Teil eines internationalen Netzwerks. Wir arbeiten mit Sammlungen und Kolleg:innen in ganz Europa zusammen. Und wir empfangen ein Publikum, das aus aller Welt kommt und das bringt Perspektivenvielfalt, Austausch und immer wieder neue Impulse.

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Blick aus dem Aussichtsraum
© erlebe-bayern – Dietmar Denger

Das Fenster im zweiten Obergeschoß des Kocheler Museums bietet einen spektakulären Ausblick auf See und Berge, er ist wie ein großes Gemälde, das sich mit der Natur täglich verändert. Was machen Orte mit Menschen und was bedeuten sie für die Kunst?

Wir zeigen derzeit eine Ausstellung, die viele Besuchende emotional bewegt. Der Aussichtsraum im zweiten Obergeschoss markiert bewusst den Abschluss des Rundgangs. Viele setzen sich dort, schauen hinaus, lassen das Gesehene nachwirken. Gleichzeitig ist es ein Raum ohne unmittelbare Funktion und genau das macht ihn wertvoll. Solche offenen Orte, die einfach zur Verfügung stehen, geben Menschen die Freiheit, Gedanken schweifen zu lassen. Sie unterstützen Konzentration, aber auch Erholung. Für ein Museum sind sie eine wichtige Ergänzung zur inhaltlichen Vermittlung.

Haben Sie ein favorisiertes Objekt in der Sammlung – und wenn ja, welches?

Ein wirkliches Lieblingswerk habe ich nicht, das wechselt je nach Phase, Fragestellung oder Ausstellung. Aber im Moment beschäftige ich mich besonders intensiv mit Franz Marcs Eselfries. Es ist nicht nur eines seiner künstlerischen Meisterwerke, sondern auch ein Werk mit großer konzeptueller Tiefe.

Wir sind neugierig: Verraten Sie uns Ihr Lieblingslokal in Kochel und Umgebung und einen Tipp für einen besonders schönen Spaziergang?

Als Vegetarierin ist das Tiny Soul in Kochel mein klarer Favorit. Für einen so kleinen Ort ist dieses Restaurant wirklich überraschend, kreativ, entspannt und mit einer super Küche. Ich fühle mich jedes Mal ein bisschen an die französische Atlantikküste erinnert. Wer schon einmal dort war, weiß, was ich meine.

Zum Spazierengehen braucht man hier allerdings etwas Kondition – Kochel ist eher Wander- als Flaniergebiet. Besonders empfehlenswert ist der Aufstieg zur Sonnenspitze. Die Tour startet direkt am Museum und ist in unter zwei Stunden machbar. Oben wird man mit einem spektakulären Blick über den Kochelsee belohnt.

 

Nicht verpassen: Noch bis 12. April 2026 zeigt das Franz Marc Museum die Ausstellung „Wilde Farben, freier Geist. 120 Jahre Künstlergruppe Brücke“.

franz-marc-museum.de

 

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Lehel.Art Hamburg und München
Teil II

Kunst erleben, Orte entdecken

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