THOMAS KUHMANN ÜBER LEIKO IKEMURA
ZWISCHENWESEN
Von Japan nach Europa, von Malerei zur Skulptur, vom Ich zum Universellen: Leiko Ikemura lebt künstlerische Durchlässigkeit. Ihre Werke wirken wie Fragmente eines größeren Zusammenhangs – poetisch, verletzlich, körperlich, kosmisch
Geboren 1951 in der japanischen Hafenstadt Tsu, verließ Ikemura im Alter von 21 Jahren ihre Heimat, um in Salamanca Literatur und später in Sevilla Malerei zu studieren. Es folgten Stationen in der Schweiz, Köln, Bonn und schließlich Berlin, wo sie ab 1991 als Professorin an der Universität der Künste lehrte. 2014 erhielt sie einen Ruf an die Joshibi University of Art and Design in Kanagawa, Japan. Heute lebt und arbeitet Ikemura in Berlin. Ihr unverwechselbares Werk hat sich längst nachdrücklich in der Kunstwelt etabliert, wie Ausstellungen zuletzt in der Lisson Gallery in New York, aktuell im Bündner Kunstmuseum Chur oder ab Herbst in der Albertina in Wien zeigen.
„Meine Zeit ist nicht linear, sie dehnt sich aus und macht Zickzack-Bewegungen“
Leiko Ikemura, Monopol 01/2025
Ein Aufenthalt in Graubünden im Jahr 1989 ließ Ikemura eine neue Bildsprache finden, in der Körper und Landschaft ineinander übergehen. Danach entstanden archaisch wirkende Mischwesen, die zunehmend auch in skulpturaler Form Ausdruck fanden. In den 1990er-Jahren traten an ihre Stelle weibliche Figuren, die wie schwerelos zwischen Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft schweben – zugleich zerbrechlich und entrückt.
„Wir sind nicht hier und die Natur ist dort – wir sind Natur selbst“
Leiko Ikemura, Monopol 01/2025
In ihren jüngsten Arbeiten verdichten sich diese Motive zu Traum- und Seelenlandschaften, denen die Sehnsucht nach einer Einheit von Mensch und Natur innewohnt. Fragen von Formwerdung und Wandlung schlagen darin eine Brücke zurück zu ihrem Frühwerk. Die Beschäftigung mit Fremdheit, Einsamkeit und dem Erlernen neuer Sprachen eröffnet Ikemura einen Raum, in dem sie eine unverwechselbare Synthese zwischen japanischer und europäischer Kultur entwirft.
Was mich persönlich an Leiko Ikemura und ihren auf den ersten Blick so zarten Sujets fasziniert, die sonst so gar nicht meine Sache sind? Es ist der zweite Blick, der offenbart, dass der Abstand zwischen Harmonie und Geborgenheit einerseits und Bedrohung und Aggressivität andererseits denkbar gering ist – oder sein kann. Dass das Streben nach dem einen plötzlich und unerwartet vom anderen durchbrochen werden kann.
Einprägsam zeigen das zwei ihrer Skulpturen: „Femme tenant un oiseau“ (1999), der gute Hase, der fürsorglich einen schwachen, schutzbedürftigen Vogel birgt, und „Figura Li“ (2002), das katzenartige Wesen, das genau diesem Vogel aggressiv nach dem Leben trachtet. Nicht ohne Grund habe ich diese beiden Werke, die eine aus Bronze, die andere aus Keramik, stets in einen gemeinsamen räumlichen Kontext gestellt.
Kennt man Leiko Ikemuras Lebensgeschichte, weiß man, dass sie eine schwierige Kindheit in Japan hatte und in ihrem malerischen, zeichnerischen und plastischen Werk kompensatorisch immer wieder ihr Streben nach Harmonie und Geborgenheit ausdrückt. Das wird in Werktiteln wie „House-Bunny“ oder „House“ spürbar, mit denen sie ideelle Schutzräume bezeichnet.
Fragilität und Resilienz, Schwäche und Behauptungswille – das ist für mich das Prägende bei Leiko Ikemura. Und wer würde, mitten im Leben stehend, nicht auch selbst das Spannungsfeld zwischen Bedrohung und Harmoniebedürfnis nachempfinden können?
Berlin und Wien
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